Monatsrückblick Juni 2026: Überleben in der Hitzefalle

Sonnenaufgang im Mohnfeld bei Grandenborn

Meine beste Freundin im Juni war die Fulle. Die Fulle heißt eigentlich Fulda und ist der Fluss, der durch Kassel fließt. Inoffiziell ist das aber einfach die Fulle. Ich war sowas von drin, manchmal zweimal am Tag während der schrecklichen Hitzewelle. Nur so konnte ich überleben in der Hitzefalle, die meine nach Süden ausgerichtete Dachgeschoss-Wohnung in den letzten 14 Tagen war. Ich möchte mir nicht vorstellen, dass wir solche Hitzeperioden als Standard erleben werden. Wie soll man da denken, kreativ arbeiten, schlafen, leben? Ein Albtraum! Da es auch nachts nicht kühl wurde unter dem Dach, waren die Tage extrem anstrengend. Irgendwie musste es trotzdem weitergehen, mit der Arbeit und mit dem Leben. Womit ich heißen Tage verbracht habe, womit ich mich zwischendurch auch von dystopischen Gedanken abgelenkt habe, steht hier in meinem Monatsrückblick Juni.

Projekte und Themen im Juni

Ich habe – Überraschung! – viel über weitere Abschattung, Kühlung und Ausweichorte für künftige Hitzeperioden nachgedacht. Abschattierende und hitzeabweisende Plissees hatte ich bereits vor zwei Jahren in den Dachgaubenfenstern montiert, auf einen Ventilator aber bisher verzichtet. Jetzt sind diese Geräte weiträumig und bis auf Monate hin ausverkauft. Immerhin stehe ich auf der Warteliste für eine nächste Warenlieferung. Was noch? Ich habe begonnen, Bibliotheken und Museen als Ausweichorte zum Arbeiten bei Hitze zu testen. Und ich habe einen noch kürzeren Weg zu meiner Badestelle an der Fulle gefunden.

KI hier, KI da. Ob wir es wollen oder nicht: KI ist gekommen, um zu bleiben. Ich erlebe ständig, wie drastisch KI meine Arbeitsrealität verändert. Vor allem Claude ist ein mächtiges Tool in der Branche der Texter*innen, Journalist*innen und Blogger*innen. Ich habe im Juni wieder einige Zeit damit verbracht, die Möglichkeiten, Chancen, Grenzen und leider auch Ablenkungsmöglichkeiten von KI-Tools auszuloten. Auch dabei wurde mir spürbar heiß. Manchmal habe ich gedacht, ich hätte besser einen Handwerksberuf lernen sollen (zu Handwerkern mehr weiter unten). Aber dann habe ich mich erinnert: Schreiben ist auch ein Handwerk. Vielleicht bin ich doch nicht so falsch. Das Umfeld verändert sich durch KI aber so schnell, dass man sich als beruflich schreibende Person zwischendurch sehr überflüssig und auch sehr laaaaangsam fühlen kann. Aber unser größter Trumpf als Mensch: KI hat keine Seele.

Eine Freundin hat mich auf ihrer Langstreckenwanderung in Kassel besucht. Das war etwa halbe Strecke auf ihrem Weg von Stuttgart nach Hamburg. Sie ist insgesamt 8 Wochen allein und zu Fuß unterwegs, mit Zelt, Schlafsack, Gaskocher, Kochgeschirr, RIESEN Rucksack. Mich hat das Projekt noch nach ihrem Abmarsch bei mir beschäftigt. Einerseits abgeschreckt, andererseits fasziniert. Wäre das auch was für mich, habe ich mich gefragt? Und wenn ja, wo entlang? Mein Projekt Grünes Band läuft noch. Dafür laufe ich mit meiner Schwester nach und nach die ehemalige Grenze zwischen BRD und DDR entlang. Ein sehr entspanntes Projekt im Vergleich zu dem Projekt meiner Freundin. Und bei meiner Schreibreise auf dem Jakobsweg im vergangenen April hatten wir ein festes Quartier. Aber ich habe auch Camino-Luft geschnuppert. Mal sehen, was sich entwickelt.


Diese Bücher haben mich im Juni beschäftigt

Nachdem ich im Mai hauptsächlich Kurzgeschichten gelesen habe (hier geht’s lang zu meinem Mai-Rückblick), ging es bei meiner Buchauswahl im Juni mehr um Gesellschafts- und Business-Themen. Alle drei Bücher kann ich sehr empfehlen, denn sie machen aufmerksam, regen das kritische Denken an und motivieren dazu, scheinbar unausweichliche Entwicklungen und Konsummuster zu hinterfragen. Einiges sehe ich jetzt anders und ich habe begonnen, eigenes Verhalten nachzujustieren.

  • Alexandra Polunin: She works hard for no money.
    Das Thema des im Herbst 2025 erschienenen Buches lautet: Social Media ist als Arbeit zu begreifen, und genauer noch: als Arbeit, die Individuen erschöpft und ausbeutet und zudem bewusst nicht entlohnt wird. Tech-Firmen fahren derweil immer größere Gewinne ein. Kritisch, spannend, geschrieben von einer Frau, die als Social-Media-Beraterin gearbeitet hat – und inzwischen zu Kommunikation und Marketing ohne Social Media berät. Es lohnt sich sehr, dieses Buch zu lesen und die tieferen Strukturen des Geschäftsmodells von Big Tech zu verstehen. Was mich aber besonders fasziniert hat: die Herangehensweise, der schonungslose Blick, der feministische Ansatz („noch mehr unbezahlte Arbeit für Frauen“) und die klare und scharfe Sprache der Autorin Alexandra Polunin .
  • Alexandra Polunin: Don’t be evil. Wie gutes Marketing gelingt
    Ein weiteres Buch der gleichen Autorin, diesmal geht es um die guten und schlechten Methoden des Marketing. Wie viel Manipulation, Social Washing und Diskriminierung stecken in gängigen Marketingstrategien? Was davon wendet man vielleicht selbst als Solo-Unternehmer*in an, entweder bewusst oder unbewusst? Das Buch ist etwas trockener als das oben genannte, aber ich fand die Auseinandersetzung mit diesen Fragen sehr erhellend und verstehe nun auch besser, warum mich viele Angebote, Artikel und auch Newsletter nerven, verwirren, stressen und sogar abstoßen. Ich hasse dieses ständige Drängen, Countdown-Zähler, künstliche Verknappung, emotionale Trigger… Will ich nicht! Zum Glück gibt’s auch Vorschläge für Alternativen.
  • Katja Kullmann: Die singuläre Frau
    Dieses Buch hat mich richtig gepackt. Es ist eine Mischung aus Essay, Kulturgeschichte, persönlicher Erfahrung und wirft einen Blick auf Frauen, die in unserer Gesellschaft zeitweise oder auch langfristig alleine leben. Ob das Alleine-Leben auf einer bewussten Entscheidung fußt oder eine Konsequenz aus Lebensentscheidungen ist eigentlich egal, oft genug müssen sich Frauen erklären oder für ihre Lebensweise verteidigen. Denn mit der „scheint ja was nicht zu stimmen“. Mit viel Selbstironie, Sympathie und Fachwissen geht Katja Kullmann dem Phänomen der „singulären Frau“ nach. Ich gehe begeistert mit. Und in manchem fühle ich mich auch direkt angesprochen.
Lesen geht bei mir sogar bei Hitze. Zum Glück!

Bonustitel zur Aufheiterung und zum Kopf schütteln

Anna Koch / Axel Lilienblum (Hg.): Ist meine Hose noch bei euch?
Neues aus SMSvonGesternNacht.de

Knapp 300 Seiten starkes Taschenbuch, das irrwitzig-absurde, teils peinlich-entlarvende und manchmal ätzend-irritierende SMS bzw. Chat-Nachrichten enthält. Viele davon wurden nachts im Rausch abgeschickt. Da ist alles dabei, was man sich an Verirrungen und Dramen in einer durchfeierten, im Alkoholrausch verbrachten Nacht vorstellen kann.

Ich habe dieses Buch auf der Straße gefunden – ihr kennt alle diese öffentlich zugänglichen Orte, an denen Bücher und alles mögliche andere abgelegt werden. So kam das Buch zu mir. Vorerst blättere ich noch, dann setze ich es wieder aus. 😅


Was sonst noch los war in diesem Hitzemonat Juni

  • Pünktlich zur schrecklichen Hitzewelle wurde mein Artikel „Hitzeschutz in der Pflege“ veröffentlicht. Entstanden ist er bereits vor etlichen Monaten. Hier ist der Beitrag zu lesen.
  • Der Eichenprozessionsspinner hat die Karlsaue im Schwitzkasten. Überall hängen Warnschilder und viele Eichen im Park sind mit rot-weißem Flatterband markiert, traumhafte Alleen sind ganz abgesperrt. Auch die Apothekerin um die Ecke hat wegen dieser Tiere schwer zu tun, zu ihr kommen alle Personen, die sich trotz Warnungen an Eichen lehnen oder sich in deren Schatten von der Hitze ausruhen. Dass Eichenprozessionsspinner sich seit einigen Jahren so ausbreiten, hat auch mit dem Klimawandel zu tun. Sie mögen heiße, trockene Bedingungen. Mehr Infos findest du beim Umweltbundesamt.
  • Ich hatte ein Abi-Treffen. Ganz kurzfristig habe ich davon erfahren und mich auf den Weg nach Würzburg gemacht. Es war eine berührende und lustige Zeitreise. Überraschend auch, wie wenig sich die meisten Menschen seither geändert haben, im positiven wie im negativen Sinne.
  • Ich habe wieder einmal beobachtet, dass Handwerker zufriedener wirken als Büromenschen. Konkret anführen kann ich in diesem Monat einen Schuster, einen Schreinermeister und einen Straßenreiniger, mit dem ich mich unterhalten habe. Eigentlich schade, dass ich so selten kaputte Sandalenriemchen und zusammengebrochene Holzstühle habe. Aber ich könnte mich stattdessen einfach öfter mit Straßenreiniger*innen unterhalten.
  • An einem Sonntag Morgen im Juni bin ich um 3 Uhr aufgestanden und um 4 Uhr ins Auto gestiegen, um den Sonnenaufgang in blühenden Mohnfeldern zu erleben (das Titelbild stammt von diesem Ausflug). Wegen der großen Hitze der Vortage war der Höhepunkt der Mohnblüte in Grandenborn zwar schon durch, aber es war eine magische Stimmung und es gab ein köstliches Frühstück mit regionalen Produkten an einer langen weißen Tafel im Mohnfeld. Das frühe Aufstehen hat sich also gelohnt.
Ein ehemaliger Wassertank, der früher zum Befüllen von Tiertränken genutzt wurde, ist nun ein Pferd.
Wer außerhalb des nordhessischen Dorfs Grandenborn spazieren geht, sieht es sofort.
An dieser langen Tafel gab es für die Frühaufsteher ein leckeres Frühstück. Produkte mit Mohn durften natürlich nicht fehlen.
Eigentlich sollten alle Teilnehmer*innen auch weiß gekleidet sein. Das hat nicht ganz geklappt.

Ausblick: Darauf freue ich mich im Juli

  • Ende Juli gebe ich einen Schreibkurs in der Kunstwerkstatt Marbachshöhe in Kassel. Die Ausgangsfrage ist: Was passiert, wenn Bilder und Skulpturen anfangen zu sprechen? Außerdem erkunden wir, wie und wann Wörter plötzlich zu Linien und Flächen werden. Ich verrate nur so viel: es wird experimentell.
  • Ein Artikel über „Ernährung bei Demenz“ wird fertig. Damit endet die 3-teilige Serie „Demenz verstehen und begleiten“, die ich für ein Gesundheitsmagazin liefere. Zielgruppe für diese Texte sind pflegende Angehörige.
  • Ein Schwerpunkt im Juli wird das agentische Arbeiten mit KI sein. Ich will herausfinden, wo und wie gut mich KI noch besser unterstützen kann.
  • Ich werde einige Tage nach München fahren und Freund*innen treffen, die ich länger nicht gesehen habe. Mich erwarten Umarmungen, Gespräche und schöne Momente in sehr vertrautem Umfeld und an meinen Lieblingsorten in München. Ach ja, meine Badehose wird dabei sein. Ich liebe die Seen im Münchner Umland.

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4 Kommentare zu “Monatsrückblick Juni 2026: Überleben in der Hitzefalle”

  1. Liebe Esther,
    vielen Dank für die lebendigen Worte trotz großer Hitze.
    Ich genieße Deine Berichte, lassen sie die Leser doch teilnehmen und inspirieren.
    Wünsche Dir eine gute Reise nach München mit schönen Begegnungen.
    Im August habe ich wieder ein Klassentreffen in Ostwestfalen. Da wir inzwischen alle näher an 70 als an der schönen 60 sind, haben wir die Treffen von 10 auf fünf gelegt um möglichst lange noch alle treffen zu können.
    Liebe Grüße Karl-Heinz

    • Hallo Karl-Heinz,
      wie schön hier wieder von dir zu lesen. Und natürlich freue ich mich auch, dass ich durch meine Gedanken und Tipps inspirieren kann! Ich werde die Tage in München ganz sicher genießen. Dir wünsche ich ein schönes Klassentreffen, wobei… das dauert ja noch.
      Liebe Grüße,Esther

  2. Liebe Esther,

    ach ja, die Hitzewelle hat mich auch echt geschafft und ich habe keine Fulda in der Nähe. 🙁 Wusste gar nicht, dass man in der Fulda auch baden/schwimmen kann. Sehr cool. Im doppelten Wortsinn.

    Und, ja die KI. Wen beschäftigt sie nicht? Auf die eine oder andere Weise. Ich habe zumindest momentan meinen Frieden damit gemacht, nutze sie ganz bewusst nur für wenige (eher lästige) Dinge.

    Die Mohnfelder … ach ja, da wollte ich schon immer mal hin, wenn sie blühen. Irgendwann schaffe ich das sicher auch mal. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Oder so. 😉

    Kassel kenne ich. Allerdings schon lange her, seit meinem letzten Besuch. Meine Großtante und -Onkel wohnten dort.

    Wünsche dir einen tollen Sommer mit angenehmen Temperaturen.

    Herzliche Grüße
    Heidrun

    • Liebe Heidrun,
      die Mohnfelder solltest du unbedingt fest einplanen fürs nächste Jahr. Start der Blüte in Germerode und Grandenborn ist ca. Mitte Juni. Am besten ruftst du das Mohntelefon an, wenn die Zeit naht (ja, das gibt es! Es ist ein Service der Tourist-Info).
      Danke für deinen Kommentar, ich guck gleich auch mal, in welcher Ecke du so aktiv bist.
      Viele Grüße,
      Esther

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Hier schreibt Esther

Porträt der Autorin Esther Niederhammer

Als Freie Journalistin schreibe ich Fachartikel, Reportagen und Porträts für deutschsprachige Print- und Online-Medien. Meine Erfahrung aus über 20 Jahren Schreibpraxis gebe ich in Schreibwerkstätten und Schreibcoachings weiter.

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